Behandlung

schluckstoerungen6

Das wesentliche Ziel bei der Behandlung von Kau- und Schluckstörungen ist es, die Fähigkeit zur Nahrungsaufnahme zurückzugewinnen und Risiken wie Aspirationspneumonie, Mangelernährung und Dehydration zu vermeiden. Das Behandlungskonzept orientiert sich dabei an der Grunderkrankung, aber auch am Allgemeinzustand und den Wünschen des Patienten.

Grunderkrankung Beispiele

  • Bei einer Dysphagie, die durch Medikamente verursacht ist, wird eine Änderung der Medikation oder ein Absetzen der Arzneimittel nach Ende der Therapie Besserung bringen. Hier gilt es, für eine Übergangszeit spezielle Regeln zur Nahrungsaufnahme zu beachten, um eine Aspiration zu verhindern.
  • Eine Operation ist immer dann angezeigt, wenn die Schluckbeschwerden durch Tumoren in Mund, Rachen oder Speiseröhre entstanden sind.
  • Die Hälfte aller Schlaganfallpatienten leidet vorübergehend oder dauerhaft unter Schluckbeschwerden. Hier geben Ausdehnung und Lokalisation des Schlaganfalls wichtige Hinweise darauf, ob sich die Situation verbessern wird oder nicht.

Die Therapie umfasst immer verschiedene Bausteine und erfordert ein koordiniertes Vorgehen von Allgemein- und Fachärzten, Logopäden, Pflegeteam und Angehörigen.

Logopädische Schlucktherapie

Die konservative Behandlung (= nicht-operativ) wird in der Regel von einem Logopäden durchgeführt. Die Schlucktherapie beruht auf zwei Säulen:

  • Resistierende (= wiederherstellende) Methoden zielen darauf ab, den gestörten Schluckvorgang wieder zu normalisieren. Unter Anleitung des Therapeuten, später auch alleine, erlernt der PatientBei Patienten mit Demenz, Angststörungen und Depressionen lassen sich die Übungen nur schwer oder gar nicht vermitteln. Die kompensatorischen Maßnahmen kommen jedoch auch ihnen zugute. Entspannungs-, Funktions- und Kräftigungsübungen, die das Schlucken verbessern sollen.
  • Kompensatorische Methoden erleichtern das Schlucken, ohne zu „heilen“. Sie sind zumindest für eine Übergangszeit anzuwenden, um die Risiken der Dysphagie zu minimieren.
Kompensatorische Maßnahmen und spezielle Hilfsmittel

Bei der Versorgung von Dysphagie-Patienten in Heimen kommt den Pflegekräften eine besondere Rolle zu. Im täglichen Umgang mit den Betroffenen sind sie häufig die Ersten, die Anzeichen einer Schluckstörung wahrnehmen. Letztlich sind sie es auch, die Kostanpassungen vornehmen und Hilfsmittel beim Essen und Trinken einsetzen.

  • Trinken
    Häufig stellen Flüssigkeiten ein hohes Aspirationsrisiko dar, weshalb sie in vielen Fällen angedickt werden. Dadurch verringert sich die Fließgeschwindigkeit und sie können sicherer geschluckt werden. Das Problem ist jedoch, dass sich viele Patienten vor der ungewohnten Konsistenz ekeln und letztlich zu wenig trinken.
    • Hilfsmittel und Hilfestellung

      Eine gute Alternative kann eine Reduktion des Trinkvolumens und die Verwendung eines Dysphagie-Bechers sein. Nach Einschätzung von Experten sind VoluminaZu kleine Volumina sind für Dysphagie-Patienten auch ungeeignet, da sie keinen Schluckreflex auslösen. zwischen 5 und 10 ml für Dysphagie-Patienten gut zu bewältigen. Während bei einer Schnabeltasse, wie sie in Heimen üblich ist, die Flüssigkeit unkontrolliert herausgeschossen kommt, gibt eine Dysphagie-Tasse die Flüssigkeit dosiert ab.

      Wichtig ist außerdem die Körperhaltung von Dysphagie-Patienten beim Trinken (und Essen): Sie sollten die Möglichkeit haben, aufrecht zu sitzen. In Heimen wird häufig der Kopf im Liegen nur leicht angehoben. Doch in dieser Position ist das Risiko, sich zu verschlucken, besonders hoch.

      Damit Patienten, die angedickte Flüssigkeiten verweigern, trotzdem genug trinken, kann man ihnen zwischen den Mahlzeiten Wasser anbieten. Studien haben gezeigt, dass sie sich zwar verschlucken, aber die Aspiration von klarem Wasser nicht zu einer Lungenentzündung führt.

  • Essen

    Wie bereits bei den Risiken erwähnt, stellt die Mischung von Speisen unterschiedlicher Konsistenz die größte Herausforderung für Patienten mit Schluckstörungen dar. Breiige Konsistenzen können in den meisten Fällen besser und sicherer geschluckt werden. Da Essen jedoch nicht nur der Nahrungsaufnahme dient, sondern auch ein sinnlicher Vorgang ist, darf nicht einfach alles püriert werden. Es sollte individuell getestet werden, wieviel feste Nahrung noch sicher geschluckt werden kann. Üblicherweise kommt deshalb ein vierstufiges Schema zum Einsatz, das Sie im Dysphagie-Pass (s. Kasten) finden können.

    Der Dysphagie-Pass

    Für die Dokumentation der Befunde und der verordneten therapeutischen Maßnahmen, inklusive Diätmaßnahmen, gibt es den Dysphagie-Pass.

    Er dient Ihnen und/oder Ihren Angehörigen dazu, Informationen zur klinischen Untersuchung, Therapienachweise, Diätanpassungen  sowie Ihren Ernährungsstatus und weitere Parameter gesammelt verfügbar zu haben. Wichtige Informationen sind in diesem Pass festgehalten und können jederzeit von den verschiedenen behandelnden Personen (Arzt, Pflege, Logopäde) eingesehen und ggf. ergänzt werden.

    Der Pass ist ein DIN A5-großes Dokument, das Sie immer mit sich führen sollten. Über Ihren behandelnden Arzt können Sie diesen Ausweis erhalten oder hier herunterladen:

    Dysphagie-Pass.pdf (1 MB)

    Arzneimittel

    Das Problem der Arzneimittelgabe wurde ja bereits bei den Risiken beschrieben. Für Dysphagie-Patienten ist es nahezu unmöglich, eine Tablette mit Wasser (= Mischkonsistenz) zu schlucken. Deshalb machen Ratschläge zum Teilen von Tabletten (s. Kasten) für diese Patientengruppe auch keinen Sinn. Viele Betroffene lassen die verordneten Präparate einfach weg, in Heimen werden sie gemörsert – mit den oben genannten Folgen.

    tabletteStudien haben gezeigt, dass jede vierte Tablette in Deutschland geteilt wird, obwohl das bei vielen Präparaten nicht vorgesehen ist und für die Patienten gefährliche Folgen haben kann. Dysphagie-Patienten, die Probleme mit Mischkonsistenzen haben, können auch geteilte Tabletten nicht schlucken.

    Grundsätzlich nicht geteilt werden sollten folgende Arzneiformen:

    • Magensaftresistente Filmtabletten oder Kapseln
    • Manteltabletten
    • Push-Pull-Tabletten
    • Retardfilmtabletten
    • Weichgelatinekapseln
    • Hartkapseln mit Granulat- oder Pulverfüllung
    • Zuckerdragees

    Mehrere Studien weisen auf erschreckende Mängel in Pflegeeinrichtungen hin. Nur gut die Hälfte aller HeimbewohnerIn der Regel nehmen geriatrische Patienten sechs Tabletten und mehr pro Tag ein. konnten ihre Medikamente mit drei Schlucken Flüssigkeit einnehmen. Bei 48,8 Prozent kauten oder lutschten die Heimbewohner die Arzneimittel bzw. verschluckten sich daran.

    Bei einem Viertel der Betroffenen verblieben Reste der oralen Arzneien im Mundraum. Experten berichten, dass sich bei Demenzpatienten oft nach Tagen noch Tabletten im MundAktuell haben Mediziner einen besonders krassen Fall von nicht erkannter Dysphagie und ihren Folgen aufgedeckt: Eine 86-jährige Italienerin war mit akuter Atemnot in eine geriatrische Klinik eingeliefert worden. Sie war Herzpatientin, litt unter Bluthochdruck, Diabetes und nahm entsprechend viele Medikamente ein. Untersuchungen ergaben, dass der linke Lungenflügel durch einen kompletten Verschluss der Bronchien kollabiert war. Ursache waren aspirierte Tabletten und Tablettenreste, die entfernt wurden, so dass sich die Lunge zumindest teilweise regenerieren konnte. Vor diesem Eingriff war niemandem aufgefallen, dass die Patientin massive Schluckbeschwerden hatte. Der Vorfall zeigt, dass auch geteilte oder gemörserte Medikamente an der Situation nichts geändert hätten. Die Medikation wurde deshalb von oral auf flüssig umgestellt. finden, wenn man sie nicht nach jeder Medikamentengabe kontrolliert.

    Arzneimittelgabe über Sonde

    Patienten, die aufgrund einer Dysphagie künstlich ernährt werden, müssen natürlich über diesen Weg auch mit Arzneimitteln versorgt werden. Auch hier gibt es ein Problem mit dem Zerkleinern oder Auflösen von Tabletten. Beides kann sich negativ auf die Stabilität der Wirkstoffe auswirken und zudem die Sonden verstopfen oder beschädigen. Auch hier wären flüssige Arzneimittel die bessere Wahl.

    Schluck- und Haltungsänderung

    chin tuckBei einer leichten Schluckstörung genügt es manchmal schon, eine spezielle Körperhaltung einzunehmen, um sich nicht zu verschlucken. Das sogenannte Chin-Tuck-Manöver ist die am häufigsten eingesetzte Schlucktechnik. Dabei trinkt man einen Schluck, behält diesen in der Mundhöhle und neigt den Kopf weit nach vorne, so dass das Kinn fast die Brust berührt. In dieser Position schluckt man die Flüssigkeit oder den Speisebrei nun herunter. So wird ein vorzeitiges Abgleiten von Getränken oder Nahrung aus der Mundhöhle verhindert. Beim Schlucken wird der Kehlkopf nach oben und vorne bewegt.

    Mundhygiene

    Betroffene sollten besondere Sorgfalt auf ihre Mundhygiene legen und darauf achten, dass nach dem Essen keine Speisereste im Mundraum zurückbleiben, damit nicht der bakteriell belastete Speichel aspiriert wird. In Heimen kommt diese Aufgabe den Pflegekräften zu, die die Mundhöhle pflegebedürftiger Dysphagie-Patienten regelmäßig auf Speise- und Medikamentenreste kontrollieren müssen.